Fragen zu Trauer

Lucia Kuipers, psychologische Psychotherapeutin am MHI Berlin
Lucia Kuipers, psychologische Psychotherapeutin am MHI Berlin






















Unsere Tiefenpsychologin Lucia Kuipers wurde am 18.04.2021 in der Berliner Morgenpost zitiert und in diesem Rahmen zum Thema des Umgangs mit Trauer in der Corona-Pandemie interviewt. Wir möchten Ihnen auf unserem Blog das volle Interview exklusiv zur Verfügung stellen.

Wie sinnvoll ist ein solches nationales Gedenken? Welche Wirkung/welchen Nutzen kann eine solche Gedenkveranstaltung haben?

Hier kann ich nur vermuten: Menschen in Trauer könnten sich durch ein nationales Gedenken in Ihrem Verlust gesehen fühlen. Auf Symbolebene könnte eine solche Veranstaltung Gemeinschaft, Anteilnahme und Verbunden-Sein darstellen. Es könnte jedoch auch sein, dass sich die Betroffenen durch eine solch eher förmliche Veranstaltung wenig berührt und abgeholt fühlen, denn natürlich kann dieses Gedenken die Erschwernisse im Abschiednehmen durch die Maßnahmen nicht ausgleichen. Die Allgemeinbevölkerung könnte für das Leid und den Schmerz von Betroffenen sensibilisiert werden.

Unter der Corona-Pandemie leidet insbesondere die Gemeinschaft. Wie kann es sich auf die Psyche eines Menschen auswirken, wenn ein Angehöriger einsam an Covid-19 im Krankenhaus verstirbt und wegen der Schutzmaßnahmen keine größere Trauerfeier möglich ist – es also keinen gemeinsamen Abschied geben kann? Wie belastend kann es sein, nicht angemessen/in der üblichen Form trauern zu können

Natürlich ist jeder Trauerprozess so individuell wie die Menschen selbst. So kann es sein, dass es auch Menschen gibt, die es bevorzugen im Stillen, für sich zu trauern. Theorien und Konzepte bilden wie so häufig wenn es um Individuen geht die Realität nur in Teilaspekten ab.

Wir wissen aber schon seit einiger Zeit, dass Bindung ein Grundbedürfnis des Menschen. Wir verfügen über ein angeborenes und im Laufe unserer Entwicklung ausdifferenziertes Bindungssystem. Dies ist bei allen Primaten zu beobachten und dient vermutlich dem Schutz der Gruppe vor Gefahren. Der Verlust eines Menschen ist ein einschneidendes Erlebnis und löst massiven Stress aus und insbesondere in Stressreichen Situationen wird das Bindungssystem aktiviert. Der Kontakt zu anderen Menschen wirkt häufig tröstend und haltend.

Viele Patienten berichten von Schuldgefühlen, wenn Sie ihren Angehörigen in der Zeit des Abschiedes nicht nahe sein können. Dies ist unter den aktuellen Gegebenheiten sicherlich deutlich häufiger der Fall. Im Kontakt mit Tod und Abschied werden wir zudem mit Wut und Hilflosigkeitserleben konfrontiert, da der Tod unausweichlich und unkontrollierbar ist. Wir müssen uns dieser Gesetzmäßigkeit unterordnen. Deshalb kann es hilfreich sein, wenn wir Rituale entwickeln, die ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit unterstützen können, wenn wir „etwas tun“, um mit dem Verlust umzugehen. Unter den aktuellen Bestimmungen ist uns dies verwehrt, sodass eine angemessene Bewältigung erschwert wird. Die Maßnahmen verstärken stattdessen das Hilflosigkeitserleben.

Wir wissen, dass Verlust- und Trennungssituationen einen Risikofaktor für die Entwicklung von Ängsten, Depressionen und vielfältigen psychosomatischen Beschwerden wie z.B. Schmerzen oder Herzbeschwerden darstellen. Wir vermuten, dass dies mit einer unzureichenden Verarbeitung des Verlustes zusammenhängt.

Wie wichtig ist generell ein gemeinsames Verarbeiten eines Todesfalles?

Wir unterscheiden zwischen aktivem und passiven Bewältigungsstrategien, um zu trauern. Aktive Bewältigungsstrategien finden alleine statt, während passive Bewältigungsstrategien in der Gruppe erfolgen. Es wird empfohlen sowohl als auch für den Trauerprozess zu nutzen.

Wir unterscheiden zudem zwischen verschiedenen Trauerphasen, die Trauernde meist durchlaufen. Viele Menschen realisieren den Verlust eines geliebten Menschen lange Zeit nicht. Es kommt zur Verleugnung im Sinne eines „Nicht-Wahrhaben-Wollens“. Es erscheint nicht greifbar, dass ein vertrauter Mensch nicht mehr verfügbar ist. Die Trauerfeier kann helfen den Tod zunächst bewusst und greifbar werden zu lassen.
Wenn der Verlust bewusst wird, treten heftige Gefühle wie z.B. Angst, völlige Passivität, massive Traurigkeit auf. Diese sehr schmerzhafte und schwierige Phase der Trauerbewältigung ist für viele Menschen leichter zu ertragen, wenn Sie in Gemeinschaft aufgefangen werden.



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