„Planen Sie etwas am Tag, das Ihnen gut tut!“

„Planen Sie etwas am Tag, das Ihnen gut tut!“

Franziska Liedtke, psychologische Psychotherapeutin am MHI
Franziska Liedtke, psychologische Psychotherapeutin am MHI



Text: Sibylle Haberstumpf

Ruhe und das Spazierengehen sind gut für die Seele, sagt die Psychologin Franziska Liedtke im Interview.

Berlin. Wissenschaftler haben eine neue Welle der Wertschätzung für das Spazierengehen ausgemacht. Denn der Spaziergang ist nicht nur eine Wohltat für den Körper, sondern auch für die Seele. Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht die Psychologin Franziska Liedtke (30) von der Privatklinik „Mental Health Institute Berlin“ (MHI) in Charlottenburg über das neue Lockdown-Hobby aus therapeutischer Sicht.

Viele Menschen arbeiten derzeit im Homeoffice. Was spricht da besonders für einen Pausengang an die frische Luft? Bekommt man dabei den Kopf besser frei als bei anderen Tätigkeiten?


Franziska Liedtke: Genau, eine Veränderung der Umgebung ist eine Möglichkeit, um auf andere Gedanken zu kommen. Eine Strategie zum Umgang mit Stresssituationen ist das Neubewerten der aktuellen Situation. Dabei kann schon eine Veränderung des Ortes, an dem man sich befindet, helfen. Wichtig ist, etwas zu machen, das einem gut tut – und nicht zu viel zu grübeln, denn das ist kontraproduktiv, da es zusätzlich Stress auslösen kann. Ein Spaziergang senkt das Stresshormon-Level und verringert die Gehirnaktivität in den Arealen, die mit Grübeln verbunden sind. In Studien konnte auch nachgewiesen werden, dass Spaziergänge die Gedächtnisleistung fördern und dass etwa das Risiko, an einer Depression zu erkranken, gesenkt wird. Und es geht dabei auch darum, Ressourcen zu aktivieren, um mit dieser außergewöhnlichen Situation umzugehen. Damit meine ich: Fähigkeiten, die uns helfen, Krisensituationen durchzustehen. Spazierengehen hilft dabei, neue Lösungen zu finden.

Welche medizinisch positiven Aspekte hat es sonst noch?

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich Bewegung positiv auf unsere Psyche auswirkt. Frische Luft steigert die Konzentration, sorgt für Ausgeglichenheit und guten Schlaf. Daneben sorgt das Sonnenlicht für die Produktion von Vitamin D und damit für eine Stärkung unseres Immunsystems. Das hilft dabei, die Muskeln und Nerven zu entspannen, zur Ruhe zu kommen und den Blutdruck zu senken. Natürlich wird auch der Kreislauf angeregt und das Risiko für Bluthochdruck und Herzinfarkte gesenkt. Die meisten Menschen, die normalerweise viele Sportangebote nutzen, sind durch die aktuellen Maßnahmen gezwungen, sich sehr einzuschränken. Es geht nun darum, gewohnte Routinen in den veränderten Alltag einzubetten. Man muss also an der Art, wie man es gewohnt ist, sich zu bewegen und Sport zu treiben, etwas verändern. Das ändert aber nichts an den positiven Effekten von Bewegung für die körperliche und mentale Gesundheit.

Viele von uns sind überall und ständig erreichbar. Oft sieht man daher auch Menschen beim Spazierengehen mit dem Handy telefonieren. Ist das sinnvoll?

Erst einmal ist es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen – wenn das nicht im direkten Austausch geht, dann eben über Telefon. Es geht aber auch darum, abzuschalten und mal eine Pause von alltäglichen Verpflichtungen einzulegen. Die Entschleunigung ist ein wohltuender Effekt der zwangsweisen Auszeit. Nehmen Sie sich Zeit, einmal zu entspannen und einfach wahrzunehmen, wie es Ihnen gerade im Augenblick geht. Kleine Entspannungspausen, in denen das Handy gern mal ausgeschaltet werden darf, können helfen, achtsamer und akzeptierender mit der Situation umzugehen. Ein Beispiel für eine Achtsamkeitsübung ist es, einmal die Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu lenken – und einfach nur wahrzunehmen, wo man gerade ist und die eigenen Empfindungen zu beobachten, zum Beispiel die Atmung.

Derzeit sind viele Menschen allein und isoliert zu Hause. Kann Spazierengehen helfen, dass ihnen nicht die Decke auf den Kopf fällt?

Zunächst einmal ist es wichtig, trotz aller Einschränkungen eine Struktur im Alltag aufrechtzuerhalten. Das gibt Sicherheit. Menschen, die zu Hause isoliert sind, sollten also trotz allem nicht den Tag im Schlafanzug verbringen, sondern zu festen Zeiten aufstehen, sich anziehen, übliche Schlafens-, Essens- und Arbeits- oder Lernzeiten einhalten und zwischendurch Pausen machen, in denen sie spazieren gehen oder etwas anderes zur Erholung unternehmen. Planen Sie mindestens eine Aktivität am Tag ein, die Ihnen gut tut und auf die Sie sich freuen können. Bleiben Sie außerdem mit Ihren Bekannten in Kontakt, nutzen Sie Telefon, Chat oder Videokonferenzen. Quarantänemaßnahmen und Abstand halten sind sinnvolle Maßnahmen, sie können andere Menschen schützen. Wem also klar ist: Ich tue etwas für die Gemeinschaft, dem fällt es leichter, akzeptierend mit der jetzigen Situation umzugehen. Dies kann Frustration und psychischer Belastung vorbeugen.

In Berlin sind wir gerade noch einmal um eine Ausgangssperre herumgekommen. Was kann es bei Menschen aber auslösen, wenn sie während eines noch strengeren Lockdowns überhaupt nicht mehr rausgehen dürfen, wie es etwa in Spanien oder China der Fall war?

​Häusliche Isolation und Quarantäne sind Ausnahmesituationen, die die meisten von uns noch nicht erlebt haben. Diese Maßnahmen können sich auf unsere Psyche auswirken und sehr belastend sein. Stressfaktoren können zum einen natürlich Frustration und Langeweile sein, aber auch Einschränkungen der materiellen Versorgung und finanzielle Engpässe. Hinzu kommen Ansteckungsängste, Fehlinformationen, Stigmatisierung von Betroffenen und der soziale Rückzug. In außergewöhnlichen Zeiten kann es zu ungewohnten Emotionen kommen, und es kann herausfordernd sein, sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Der Verlust von Freizeitaktivitäten, Sport oder Kontakten kann dann auch zu Depressionen führen und krank machen.

Können Spaziergänge also eine therapeutische Rolle spielen?

Ja, es gibt Psychotherapeuten, die mit ihren Patienten zusammen rausgehen. Ich selbst mache das auch. Unter Einhaltung der Abstandsregelung ist ein kurzer Spaziergang in einer Sitzung durchaus umsetzbar. Ich habe Patienten, die bis auf den Weg zur Therapie die ganze Woche das Haus über nicht verlassen. Uns geht es ja darum, unseren Patienten zu vermitteln, dass Bewegung wichtig ist – warum dann dies nicht in der psychotherapeutischen Sitzung ausprobieren und zusammen mit den Patienten erleben? Alle genannten positiven Effekte des Spazierengehens, die Aktivierung von Ressourcen, aber auch die Entspannung sind Dinge, die wir auch in der Therapie fördern wollen.

Zum Artikel


weitere Journalbeiträge

Fragen zu Trauer

Interview zum Thema „Trauer in Zeiten der Corona-Pandemie“ vom 18. April 2021 mit Lucia Kuipers, psychologische Psychotherapeutin am MHI, erschienen in der Berliner Morgenpost.

Mental Health Institute

Die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie inmitten des Villenviertels Berlin.

 

Das Mental Health Institute (MHI) Berlin ist eine Privatklinik, die Menschen mit psychischen Problemen und Leiden moderne und wissenschaftlich seriöse tagesklinische und ambulante Behandlungen anbietet.