Interview aus der Berliner Morgenpost vom 24. Dezember 2021.

Psychologische Folgen eines Wohnungsbrandes

Psychologische Folgen eines Wohnungsbrandes

Interview aus der Berliner Morgenpost vom 24. Dezember 2021.

Text: Sibylle Haberstumpf


Der „Berliner Morgenpost“ hat MHI-Psychologin Franziska Liedtke ein Interview gegeben (24.12.2021), worin sie die psychologischen Folgen eines Wohnungsbrandes einordnet: „Feuer an Heiligabend: Vor einem Jahr verbrannte ihr Heim“. Hier die ungekürzten Fragen und Antworten: 

Welche psychologischen Auswirkungen kann ein plötzlicher Verlust der eigenen Wohnung durch einen Brand haben? 

Neben dem offensichtlichen materiellen und finanziellen Schaden können auch emotionale Stressfaktoren eine Rolle spielen. Der Verlust von unwiederbringlichen persönlichen Dingen z.B., wie Fotos und private Erinnerungsstücke. Hinzukommt, dass ein sich ausbreitendes Feuer eine als unberechenbar empfundene Bedrohung für das eigene Leben und die eigene Gesundheit darstellt und damit Gefühle von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein ausgelöst werden können.

Die Folge können dann psychische Erkrankungen, wie z.B. eine Traumafolgestörung sein. Aber auch auf den allgemeinen Gesundheitszustand kann sich ein solches Ereignis negativ auswirken. Eine posttraumatischen Belastungsstörung zeichnet sich z.B. durch Belastungssymptome aus, wie Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und eine erhöhte Wachsamkeit oder Schreckhaftigkeit in Folge eines traumatischen Ereignisses, wie dem oben beschriebenen. Eine Person, die eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder von katastrophalem Ausmaß mit einem ernsthaften Risiko der Verletzung oder einer Gefahr für das eigene Leben erlebt, kann darauf mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen reagieren. Kernsymptome einer PTBS sind das Wiedererleben des traumatischen Ereignisses in Erinnerungen, sog. Flashbacks oder Albträumen, das Vermeiden von Dingen oder Orten, die mit dem Trauma in Verbindung stehen oder auch emotionale Veränderungen. Wer schon vorher an einer psychischen Erkrankung, wie z.B. einer Depression oder Ängsten litt, kann in der Folge eines traumatischen Ereignisses, wie ihn der Verlust der eigenen Wohnung darstellt, eine Verschlechterung der Symptomatik erfahren. Gerade, wenn nicht, wie im oben geschilderten Fall, sofort eine Notunterkunft gefunden werden kann. Dann steigt auch das Risiko, eine Suchterkrankung zu entwickeln, wenn Betroffene in dieser Situation Alkohol oder Drogen als Bewältigungsstrategien einsetzen. Sicher ist, wer langfristig von Wohnungslosigkeit betroffen ist, trägt ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken.
 

Was ist dann für die Betroffenen wichtig? Wie wichtig ist es, dass sie Trost erfahren? 

Besonders wichtig ist, Betroffenen aus der belastenden Situation herauszuhelfen und sie im Beispiel von einem Hausbrand vor weiterer Gefahr zu schützen. Im Kontakt mit den Betroffenen sollte man auf jeden Fall Mitgefühl zeigen, Hilfe anbieten und sie beruhigen. Fragen Sie, was benötigt wird und sorgen Sie für eine sichere und angenehme Umgebung. Dazu gehört, dass erstmal die Grundbedürfnisse nach Essen und Trinken aber auch einem Dach über dem Kopf und evtl. warmen Decken etc. versorgt sind. Wichtig sind auch die medizinische Versorgung oder das Leisten von Erster Hilfe. Dann sollte Kontakt zu Angehörigen oder vertrauten Personen hergestellt und wie im oben genannten Beispiel eine Unterkunft besorgt werden. Bleiben Sie bei Betroffenen und sorgen Sie für eine Möglichkeit der Ansprechbarkeit in den nächsten Stunden oder Tagen, geben Sie ggf. Informationen über Anlaufstellen für weitere Hilfen (zum Beispiel Traumaambulanzen). Generell sollten Informationen aber dosiert und so einfach verständlich wie möglich gegeben werden, da Personen, die sich in einer Art Schockzustand befinden, nur eingeschränkt aufnahmefähig sind. Bleiben Sie ruhig und geduldig, hören Sie Betroffenen zu, vermeiden Sie unrealistische Versprechungen oder falsche Infos. Manchen Personen hilft es, selbst in die Hilfsmaßnahmen für andere Betroffene eingebunden zu werden, da dies Selbstwirksamkeit d.h. ein Gefühl, selbst etwas tun zu können und somit ein Stück Kontrolle zurückzubekommen, fördern kann. Dies kann zu einer Stabilisierung und Normalisierung beitragen. 

Was kann man tun, um ein solches Erlebnis zu verarbeiten? 

Entscheidend, um ein solches Ereignis zu verarbeiten, ist es wieder zur Ruhe kommen zu können. Hierfür sind stabile Wohnverhältnisse wichtig, aber auch psychologische Hilfen, wie Beratungs- oder Betreuungsangebote. Ganz konkret meint dies auch die Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Wohnung. Menschen mit psychischen Erkrankungen z.B. haben es schwerer auf dem freien Wohnungsmarkt etwas zu finden. Geraten Betroffene in Wohnungsnot, sind sie oft nicht so flexibel und handlungsfähig wie gesunde Personen und können manchmal von selbst nichts an ihrer Situation ändern. Betroffene mit einer PTBS oder anderen psychischen Erkrankung sollten zudem auf jeden Fall eine Psychotherapie machen. Das Ziel einer Therapie besteht darin, psychische Belastungen zu reduzieren, aktuelle Bedürfnisse von Betroffenen zu erkennen und angemessenes Bewältigungsverhalten zu fördern. Fähigkeiten und Ressourcen, die betroffene Personen selber mitbringen werden aktiviert, die Selbstwirksamkeit und das Kontrollerleben somit wieder gestärkt. Auch die Vermittlung von Informationen zur Bewältigung, ein Abbau von Ängsten und Vermeidungsverhalten und die Veränderung von dysfunktionalen Gedanken, wie z.B. Schuld an einem Unfall zu haben oder für Etwas die Verantwortung zu tragen, für das man nichts kann, gehören zu einer Therapie.   


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