„Jeder Erfolg verleitet dazu, immer mehr haben zu wollen.“

„Jeder Erfolg verleitet dazu, immer mehr haben zu wollen.“

Text: Sibylle Haberstumpf

Joachim Löw hatte schon vor der EM verkündet, nach dem Turnier als Fußballbundestrainer zurückzutreten.

Joachim Löw hatte schon vor der EM verkündet, nach dem Turnier als Fußballbundestrainer zurückzutreten.

Foto: Arne Dedert / dpa

Die Berliner Psychologinnen Aurelia Sète und Vivian Birchall analysieren das Thema Rücktritt aus psychologischer Sicht.


Berlin. Rücktritte gibt es überall, wo es Ämter und Posten gibt – ob im Skatclub, im Förderverein, im Firmenbetriebsrat oder im Elternvorstand. Rückzüge betreffen Unternehmenslenker genauso wie hochrangige Politiker, Sportler oder Bundestrainer. Je nachdem, wie bekannt die Person und wie groß die Fallhöhe ist, diskutiert die Öffentlichkeit bei Rücktritten gerne mit. Die Psychologinnen Aurelia Sète (36) und Vivian Birchall (33) vom Mental Health Institute Berlin (MHI) erklären, was aus psychologischer Sicht bei einem Rücktritt passiert.

Berliner Morgenpost: Wieso kann es für einen erfolgreichen Menschen schwer sein, von einem Posten zurückzutreten?

Aurelia Sète: Grundsätzlich verhält es sich hier ähnlich wie bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Prinzip ist: Je mehr ich bereits investiert habe, desto schwerer fällt es mir, mich davon zu trennen. Gleichzeitig spielen hier Prestige und Anerkennung eine große Rolle. Häufig sind Menschen in solchen Positionen grundsätzlich sehr leistungsorientiert und definieren sich vielleicht auch über berufliche Erfolge. So ein Beruf wird dann auch eine wichtige Säule für den Selbstwert und ist identitätsstiftend.

Was macht ein Rücktritt psychologisch mit einem? Kann man sich trotz der Erfolge, die man hatte, noch als Gewinner fühlen – oder kommt das Gefühl erst später?

Aurelia Sète: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab: Zum einen sicherlich von der Persönlichkeitsstruktur, denn, wie gesagt, kann der Rücktritt eine große Gefahr für den Selbstwert darstellen. Aber auch von den Umständen des Rücktritts. Das heißt, ob er freiwillig ist oder nicht. Ein weiterer Faktor ist die Frage, was danach kommt beziehungsweise wie das entstandene „Loch“ gefüllt wird: Bleibe ich in einer erfolgreichen Position oder nicht? Es kann auch sein, dass es zu einer Bilanzierung kommt – und zu der Erkenntnis, was man vielleicht in der intensiven beruflichen Zeit alles verpasst hat – zum Beispiel in Bezug auf Familie oder Freunde. Eine wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber kann hier schützend wirken.


Welche Tricks gibt es, um mental durch eine solche Krise zu kommen?

Vivian Birchall: Hilfreich ist immer ein stabiles privates Umfeld. Auch sich an vergangene Erfolge zu erinnern und sie angemessen zu würdigen sowie eine sinnstiftende Perspektive zu entwickeln, wirkt stabilisierend. Grundsätzlich neigt unser Gehirn dazu, sich auf negative Dinge zu konzentrieren. Das nennt man den „Negativitätseffekt“ oder auf Englisch „negativity bias“. Diesem sozialpsychologischen Phänomen gilt es hier besonders entgegenzuwirken.

Das Sprichwort sagt ja: Du sollst aufhören, wenn es am schönsten ist. Ist das nicht für den Einzelnen sehr schwer zu entscheiden, wann es am schönsten ist? Es kann ja immer noch schöner werden?

Vivian Birchall: So ist es. Jeder Erfolg wirkt verstärkend – und verleitet häufig dazu, immer mehr haben zu wollen. Nicht umsonst gibt es hier genügend prominente Beispiele.

Und wie wichtig ist der richtige Zeitpunkt zurückzutreten, damit man in die Geschichte eingeht?

Aurelia Sète: So pauschal beantworten kann man das nicht. Es gibt ja viele Gründe, weswegen man in die Geschichte eingehen kann; dazu gehören beispielsweise Aufstiege wie auch Skandale. Es ist für den Einzelnen aber sicher schwer abzuschätzen, welchen „Impact“, also welche Wirkung ein Rücktritt zu einem gewissen Zeitpunkt hat. Hier spielen einfach zu viele unbekannte Variablen eine Rolle.

Gibt es eine goldene Regel für einen Rückzug?

Vivan Birchall: Im Sinne der Selbstwirksamkeit ist es auf jeden Fall hilfreich, einen Moment dafür zu wählen, in dem man sich noch selbst für den Rücktritt entscheiden kann.

Wie schafft man es denn, einen Rücktritt selbst zu bestimmen?

Aurelia Sète: In jedem Fall muss man sich vorher darüber klar werden. Dazu gehört sicher eine gute Introspektionsfähigkeit, sich also nach innen hin gut selbst beobachten zu können, um die eigene Leistungsfähigkeit einschätzen zu können.

Sollte man sich einen Nachfolger aufbauen, damit ein Rücktritt gelingt? Oder gehört es zur Psychologie der Macht, dass man darin schnell einen Widersacher sieht?

Vivian Birchall: Das hängt primär sicher von den persönlichen Motiven und von der Persönlichkeitsstruktur ab. Liegt der Fokus vor allem auf dem persönlichen Machtmotiv, ist es eher schwer auszuhalten, eine andere Person auf der eigenen Position zu sehen. Liegt der Fokus eher auf der Sache an sich, zum Beispiel einem aufgebauten Unternehmen, ist für den Rücktritt die Bestimmung eines – in den eigenen Augen – angemessenen Nachfolgers durchaus zielführend.


Muss man bei einem Rücktritt alles in geregelten Bahnen übergeben? Oder gerade nicht, um den Nachfolgern Chancen zu eröffnen?

Aurelia Sète: Das ist wiederum je nach Persönlichkeitsprofil verschieden. Gibt es etwa eine narzisstische Akzentuierung, besteht vielleicht der Impuls, keinem anderen die Chance zu geben, so gut zu werden wie man selbst – man will im Gedanken bleiben, unersetzbar zu sein. Gleichzeitig kann es natürlich auch selbstwerterhöhend sein, sein Wissen weiterzugeben und sein Projekt oder Unternehmen in guten Händen zu wissen.

Mit wem sollte man sich über einen Rücktritt beraten?

Aurelia Sète: Wenn es professionelle Berater im beruflichen Umfeld gibt, dann sicherlich mit denen. Alternativ gibt es auch die Möglichkeit, sich mit Coaches auszutauschen. Helfen kann aber auch der Einbezug des privaten Umfelds, da es auch dort ja dann häufig zu größeren Veränderungen kommt.

Rücktrittsgedanken gelten gemeinhin als Schwäche. Darf man das öffentlich äußern? Oder wie muss man einen Rücktritt vorbereiten?

Vivian Birchall: Grundsätzlich wäre es schön, wenn solche Gedanken nicht als Schwäche ausgelegt würden. Wir erleben einen, wenn auch sehr langsam voranschreitenden Wandel hinsichtlich der Akzeptanz eigener Grenzen und neuer Priorisierung, etwa im Sinne der Work-Life-Balance. Vielfach ist aber noch ein altes Denken verbreitet, sodass man sich hier schon im Voraus der Konsequenzen bewusst sein muss. Auch gibt es weiterhin geschlechterspezifische Unterschiede in der Bewertung. So wäre die Entscheidung, die Priorität künftig auf die Familie zu verlagern, sicherlich bei einer Frau akzeptierter als bei einem Mann.

Ein Rücktritt kann auch überraschend kommen – ist das strategisch besser?

Aurelia Sète: Das kommt drauf an. Strategisch besser ist es, wenn ich vermeiden will, dass mein Umfeld sich lange darauf vorbereiten kann. Oder wenn ich mich nicht von einer langen öffentlichen Diskussion beeinflussen lassen will. Zudem kann es natürlich auch als letzte Macht-Demonstration interpretiert werden nach dem Motto: „Seht zu, wie ihr ohne mich zurecht kommt.“

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